Kreuzwegstationen Die blaue Krone
Musikalische Betrachtungen Hannes Beckmann
Bildprojektionen Cäsar W. Radetzky
Videocollage Juraj Raska
Sunnyi Melles liest
Hannes Beckmann, Violine
Klaus Kreuzeder, Saxophon
Tizian Jost, Piano
Michael Blam, Kontrabass
Imre Köszegi, Schlagzeug
Niki Kampa, Violine, Laptopzuspielung
Blechbläser Quartett München
Der Komponist und Jazzgeiger Hannes Beckmann hat in einem mehrjährigen Schaffensprozess seine »Kreuzwegstationen« reifen lassen.
Es erklingt eine in diesem Zusammenhang neue »musica sacra«, die westliche Tradition, treibende Rhythmen und osteuropäische wie orientalische Musikelemente mit meditativer Ruhe verbindet.
So entsteht eine musikalische Betrachtung jenseits strenger Liturgie, die den Bogen spannt von den historischen »Kreuzwegstationen« bis zu Ereignissen der jüngeren Vergangenheit, aber auch zu Erlebnissen der Gegenwart. Diese Musik in Verbindung mit ausgewählten Texten dringt von den äußeren Gesten ins Innere. Sie ist ein Angebot für spirituelle Erfahrung – ihr ureigener Rhythmus und Melodien erfüllen uns mit Ergriffenheit, und die Bilder des Leidens geben dennoch Mut und Hoffnung.
Hannes Beckmann, geb. 1950, studierte Jura und Musik in Düsseldorf und München. 1972 gründete er die Gruppe „Sinto“, 1985 das „Hannes Beckmann Quartett“. In seinen vielfältigen Formationen sind große Namen des Jazz wie auch die „Münchner Philharmoniker“ oder seine Studenten eingebunden. Er ist Professor für Jazzvioline und lebt in München. Weitere Informationen finden Sie unter www.hannes-beckmann.de.
Der Maler Cäsar W. Radetzky erhielt 1997 von der Erzdiözese München den Auftrag einen Kreuzweg zu schaffen. Dieser stellt das Leiden Jesu dar, von der Verurteilung durch Pilatus bis zu seinem Tod auf dem Hügel Golgatha und seiner Grablegung. Christen bezeichnen als Kreuzweg den betenden Nachvollzug des Leidensweges Jesu. In einem fast zweijährigen Arbeitsprozess entstanden 14 expressive, großformatige Bilder. Im Ringen um die Entstehung halfen ihm die Visionen der stigmatisieren Nonne Anna-Katherina Emmerich, einen Weg zu finden, sich diesem religiösen Thema zu nähern, ohne die in der Kunstgeschichte reichlich vorhandenen Kreuzwegdarstellungen wiederholen zu müssen.
Die Dornenkrone als Symbol des Leidens, der Unterdrückung und der Erniedrigung erscheint in seinen Bildern als BLAUE KRONE, die für ihn durch die Farbe Blau zugleich Symbol der Hoffnung, der Erlösung und der Auferstehung ist. Die 14 Stationen begleiten das Konzert von Hannes Beckmann. Sie sind unterlegt mit einer Videocollage von Juraj Raska, die Manifestationen menschlicher Gewalt zeigt und die Frage nahe legt, was der Tod Jesu am Kreuz bewirkt hat.
Cäsar W. Radetzky, geb. 1939 in Nürnberg, studierte Malerei in Florenz, München und Paris, sowie 1963 in Salzburg bei Oskar Kokoschka. Lebt als freischaffender Maler in München; internationale Ausstellungstätigkeit; Kunst- und Kunstförderpreise im In- und Ausland; zahlreiche Veröffentlichungen. Weitere Informationen finden Sie unter www.caesar-w-radetzky.de.
Im Herbst 1998 trat Monsignore Ott mit der Idee an mich heran, Musik für einen Kreuzweg zu schreiben und zu spielen, mit dessen bildnerischer Gestaltung der Maler Cäsar W. Radetzky beauftragt worden war. Ich hatte sofort eine Vorstellung davon, wie diese Musik klingen sollte - es sollte freie Musik sein.
Ich besuchte dann Radetzky, der sehr schnell zu meinem Freund wurde, in seinem Atelier. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits zehn Bilder gemalt. Was ich sah, beeindruckte mich sehr und bewegte mich dazu, expressionistisch zu arbeiten. Zugleich fragte ich Radetzky, der sich in die Geschichte des Kreuzwegs eingearbeitet hatte, ob es nicht auch tröstliche Momente in diesem Szenario gäbe. Er zeigte mir seine Bilder mit den Stationen „Jesus tröstet die weinenden Frauen“, „Veronika reicht Jesus das Schweißtuch“ und „Simon von Cyrene hilft Jesus“. Wochen später sah ich dann seine Ansicht der „Grablegung“ und spürte ganz stark den Aspekt der Erlösung.
Nach mehreren Gesprächen mit Radetzky und besonders auch nach einem Besuch Jerusalems verdichtete sich das musikalische Konzept noch stärker. Es sollte weniger eine ausschließlich kontemplative, formlose und freie, sondern eine aktive, dichte - eine expressionistische - Form der Musik sein.
Die „Via Dolorosa“, der historische Weg Christi zu seiner Kreuzigung, ist eine sehr enge, äußerst belebte Gasse mit unzähligen, typisch orientalischen Geschäften. Einheimische und Touristen drängen sich in Massen zwischen den dunklen Mauern; es gibt keine Momente der Meditation, der Besinnung, sondern druckvolles Leben und Kommerz. Mein jüdischer Freund, der Pianist Leonid Ptashka, der mich durch Jerusalem führte und von meiner Arbeit über den Kreuzweg wusste, die in zwei Wochen fertig sein sollte, bemerkte meine Enttäuschung und sagte mir: “Glaube nicht, dass die Situation vor 2000 Jahren anders war!“
Zurück in München, legte ich fast alle geschriebenen Kompositionen zur Seite und schrieb Musik, die großstädtischen „Groove“, „Drive“ und „Swing“ ermöglichte.
Ich sah auf einmal einen Menschen, der verhöhnt, gequält durch Menschenmassen getrieben wird. Jemand, der ein politisches Problem verkörpert. Es ist kein Weg, den er allein macht, sondern vor den Augen vieler Menschen und einigen Sympathisanten. Als Mensch ist er einsam, als Mensch leidet er unter Schmerzen, Erschöpfung und Erniedrigung, deren brutales Zeichen die Dornenkrone ist.
Als Gottes Sohn aber ist er derjenige, der sich im Leiden erhöht, der auch in dieser Situation Trost spendet, dessen Aura auch in den schrecklichen Fällen unter dem Kreuz strahlt. Anders, als es nach außen erscheint, ist er der Sieger, seine Idee überlebt.
So spiegeln die Töne, die in der Basilika gespielt wurden, Schmerz, Trost und Erlösung. Es geht um die Passion Christi. Meine Gedanken waren aber immer auch bei großen, mutigen Menschen, wie z. B den Geschwistern Scholl aus einer Zeit dunkelster Vergangenheit oder bei einem Alekis Panagolis, dem Gegner des griechischen Obristenregimes, und vielen anderen.
Ich weiß nicht, was „religiöse“ Musik ist, aber ich habe bei dem Prozess des Komponierens und des Spielens mit meinen Musiker-Freunden eine Ergriffenheit erlebt, die ich zwar aus anderen Konzerten kenne, aber schon lange nicht mehr erfahren habe und aus der ich heute noch zehre.
Hannes Beckmann im Juni 1999.
Kreuzwegzyklus DIE BLAUE KRONE
Als ich den Auftrag erhielt, den 2000 Jahre alten geschichtlichen Weg des Jesus von Nazareth von seiner Verurteilung durch Pilatus bis zu seinem Tod auf Golgatha und seinem Begräbnis in Form eines Kreuzwegs bildnerisch darzustellen, war dies für mich eine spannende Herausforderung. Christen bezeichnen als Kreuzweg den betenden Nachvollzug des Leidensweges Jesu in 14 Stationen.
Da ich nicht zur kirchlichen Szene gehöre und darüber hinaus der Gefahr entgehen wollte, die in der Kunstgeschichte reichlich vorhandenen Kreuzwegdarstellungen zu wiederholen, musste ich einen anderen Weg suchen, mich diesem religiösen Thema zu nähern.
Hierbei stieß ich auf das Buch „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christus“, den Visionen der Anna-Katherina Emmerich, denen Clemens Brentano literarische Form gegeben hatte. Anna-Katherina Emmerich (1774-1824) war eine deutsche Ordensfrau, über die höchst verwunderliche, aber für die katholische Mystik typische Dinge berichtet werden: Sie soll die „Stigmata“ (Wundmale) Christi an Händen und Füßen getragen haben. Emmerichs angebliche Visionen vom Leiden Christi beschreiben seine Geißelung und Kreuzigung mit vielen Details, die in der Bibel nicht vorkommen. Beispielsweise behauptet sie, Jesu habe gezittert und sich gewunden wie ein armer Wurm oder dass er, während er geschlagen wurde, mit unterdrückter Stimme und in einer klaren, lieblich klingenden Wehklage geschrieen habe. Emmerich behauptet sogar, Jesus habe seine Peiniger angeschaut und sie um Erbarmen angefleht.
Den Leidensweg - vom Palast des Pontius Pilatus durch die Via Dolorosa hinauf zum Berg Golgatha - schildert sie wie ein Augenzeuge mit Details über Tageszeit, Sonnenstellung, Vegetation, Gebäuden und hysterisch schreienden und trauernden Menschen. Diese scheinbar authentischen Berichte, die die biblische Erzählung in einer Weise ergänzten und illustrierten, dass betreffende Bibelpassagen wirklich und lebendig erschienen, warten Inspiration zu meinem Kreuzweg.
Die Dornenkrone als Symbol des Leidens, der Unterdrückung und der Erniedrigung erscheint in meinen Bildern als BLAUE KRONE, für mich durch die Farbe Blau zugleich das Symbol der Hoffnung, der Erlösung und der Auferstehung.
Cäsar W. Radetzky
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